Die Martinskirche

Die Martinskirche ist seit jeher eines der Wahrzeichen von Grossbottwar. Hier haben wir für Sie einige interessante Besonderheiten und Details der Martinskirche bereitgestellt.

Besonderheiten der Kirche:

Der Frauenstuhl in der Kirche:
Früher war man in den Kirchenbänken und darum in der Kirche noch zu Hause. Die regelmäßige Teilnahme am Gottesdienst im erbeigenen Kirchenstuhl hob das Familien- und Standesbewusstsein. Die dem Altar und der Kanzel benachbarten Plätze waren am begehrtesten. Mit dem Kirchenstuhl in Altarnähe konnte man Geltung und Respekt beanspruchen und demonstrieren. Die Kirchenbänke waren durchgehend auf beiden Seiten mit Türchen versehen, die oft mit Schnitzwerk oder Malereien verziert waren. Die Einzelplätze trugen Messingtäfelchen mit dem Namen oder der Hausmarke des Inhabers. Sie waren mit Kissen, Polstern und Fußsäcken, manchmal auch mit Wärmeflaschen ausgestattet. Man musste sich auf lange Predigten in kalter und zugiger Kirche einrichten. Da jede Familie ihren angestammten Platz hatte, war leicht festzustellen, wer etwa fehlte. Seit dem Umbau bzw. Neubau des Schiffs der Martinskirche am Ende des achtzehnten Jahrhunderts finden wir in den Kirchenstuhlregistern einen Herrschaftsstuhl. Im Lagerbuch des Rechbergschen Freiguts (des heutigen Forstamts) ist er beschrieben als “ein hochadeliger Kirchenstuhl in allhiesiger Martinskirche oben bei dem Anfang der einen Bor- Kirchen (Empore) rechter Hand in Ansehung (im Angesicht) des davorstehenden Altars, der Orgel gegenüber an der Mauer mit grünen Brettern und Gegittern eingemacht”. Der Stuhl hatte einen besonderen, schmaltürigen Zugang unter der heutigen Außenstaffel zur rechten Empore. Der damalige Besitzer des Freiguts, Baron Johann Anton von Wartmann hatte ihn auf seine Kosten in der Kirche einbauen lassen. Dieser eingemachte Kirchenstuhl war ein Zubehör zum Schloss. Beim Eigentumsübergang wurde er in den Kaufverträgen stets besonders aufgeführt. Allen Besitznachfolgern des Barons Wartmann stand er stets unbestritten als ein Ehrenvorrecht zur Verfügung. Als das Schloss 1826 aus der Hand der Freifrau Nanette von Buwinghausen“Wallmerode an einen nichtadeligen Besitzer, den pensionierten Kameralverwalter (Finanzamtsvorsteher) Heller aus Ludwigsburg, überging, wurde der Herrschaftsstuhl nicht mitverkauft. Die Baronin übergab ihn der Kirchenverwaltung. Damit konnte der Kirchenkonvent, der vom Stadtpfarrer und vom Stadtschultheißen geleitet und gelenkt wurde, über die Verwendung des Stuhles verfügen. Begreiflicherweise war er begehrt. Die Frauen der Honoratioren meldeten sich. Sie trugen vor, sie seien in ihren bisherigen Ständen der Zugluft stark ausgesetzt und fühlten sich darin nicht genügend ästimiert. Man spürt, worum es den Damen ging: Sie mussten sich auch bei dieser Gelegenheit gesellschaftlich profilieren und vom niederen Volk abheben. Der Kirchenkonvent beschloss denn am 25. Mai 1826 auch pflichtbewusst, den bisherigen Hochadligen Kirchenstuhl inskünftig der Frau Stadtschultheissin Wolff, der Frau Kameralverwalterin Linsenmann, der Frau Apothekerin Fischer, der Frau Doktorin Cammerer und der Frau Doktorin Föhr vorzubehalten. Der vorherige adelige Herrschaftsstuhl erhielt von der neuen Verwendung an im Volksmund den Namen Frauenstuhl oder Frauenstüble. Er war zuletzt ein rundum verglastes, kleines Gemach. Bei der Innenrenovierung der Kirche im Jahr 1957 ist es beseitigt worden. Der besondere, schmale Zugang wurde zugemauert.

Das Epitaph der Freiherren von Dachröden:
An der Ostwand des Schiffs, nördlich vom Chorbogen, befindet sich heute ein längere Zeit verschollenes, wertvolles Epitaph in Form einer bemalten Holztafel. Es betrifft die Freifrau Caroline Salome von Dachröden, im Kindbett gestorben am 9. Februar 1740 im Alter von 29 Jahren, nebst ihren Zwillingen, die nur zwei Tage alt wurden, sowie ihrem noch nicht fünf Jahre alten Söhnlein, das am selben Tag wie die Mutter starb. Das meister­hafte Werk zeigt im zentralen Bild, wie die Tote, mit ihren Kin­dern aus dem Grab auferstehend, von zwei Engeln in den Him­mel geleitet wird. Auf der Inschrift ist ausdrücklich vermerkt, dass sie „auf dem Frauenfriedhof” begraben wurde, und tatsäch­lich sieht man im Hintergrund die damals (1740) noch vorhan­dene Kirchenruine. Über dem Bild befindet sich ein wertvoller Stammbaum der Familie mit den Wappen sämtlicher Beteiligter.

Kruzifikus:
Dieses wird allgemein als sehr schön und ausdrucksvoll bezeich­net. Es wurde 1630 eingebaut und von einem unbekannten Mei­ster hergestellt. Man bedenke, dass dies mitten im 30jährigen Krieg geschah

Epitaph des Vogtes Melchior Kapf:
An der Südwand des Chors steht ein steinernes Epitaph für den “33 Jahre Vogt zu Großbottwar gewesenen” Johann Melchior Kapf, geb. in Aurbach (Oberurbach) 10. Juni 1660, gest. 13. August 1719 sowie seiner Frau Jacobina Margaretha, Tochter des Adelberger Prälaten Mörleth, geb. 13. Mai 1669, gest. 23. Mai 1720. (Den Eltern gesetzt von ihren acht Kindern). Oben die Wappen Kapf und Mörleth.

Das Netzgewölbe im Chor:
Der Altarbaldachin, das schöne Netzgewölbe des Chores, ist in den obersten Rippenüberkreuzungen mit figürlichen Steinplastiken belegt. Die Figuren sind mit umgekehrten, dreigezackten Herzschilden gerahmt. Die mittlere Figur ist die Gottesmutter mit dem Jesuskind. Die umgebende Pflanzenornamentik auf dem Gewölbegrund zeigt über dem mit dem Heiligenschein gezierten Kopf das Wort MARIA. Sie ist flankiert von zwei Män­nerfiguren. Vorne, dem Chorbogen zugewandt, ist es der heilige Martin, hinten, mit dem Rücken zum Chorfenster, der heilige Januarius. Sankt Martin ist der Kirchenheilige, ihm war die Kirche geweiht. Er ist 316 nach Christus als Sohn eines römischen Offiziers geboren worden. Bis 356 war er im Heeresdienst und schied dann aus, um sich der Missionierung in den noch heidnischen Gebie­ten zu widmen. 373 wird er Bischof von Tours, wo er 397 ge­storben ist. Nach der Legende teilt er seinen Soldatenmantel mit einem frierenden Bettler vor dem Stattor von Amiens. Im Traum erschien ihm Christus, bekleidet mit dem abgeschnitte­nen Mantelstück. Die Erscheinung soll den Ausschlag für seine Bekehrung zum Christentum und zu seiner Taufe gegeben haben. Die Legende erzählt weiter, Martin habe sich, als er zum Bischof von Tours gewählt wurde, aus Bescheidenheit und um dieser Würde zu entgehen, in einem Gänsestall versteckt. Als man nach ihm suchte, hätten die Gänse durch ihr Geschnatter das Versteck verraten. Das Bild des heiligen Januaris vertritt in der Kirche die Patro­natsherrschaft, das Kloster Murrhardt. Die Januarisverehrung hatte in diesem Kloster eine besondere Heimstatt. Die schöne doppeltürmige Klosterkirche (heutige Stadtkirche) in Murrhardt war diesem Heiligen geweiht. Im Jahre 839 soll das Kaiserhaus dem Benediktinerkloster auf der Reichenau eine Januarisreliquie geschenkt haben, durch die sich die Januarisverehrung aus­breitete. Man vermutet, dass das Kloster Reichenau enge Bezie­hungen zum Kloster Murrhardt pflegte, vielleicht sogar bei des­sen Entstehen in der ersten Hälfte des neunten Jahrhunderts Gründungshilfe leistete. Dadurch sprang die Januarisverehrung von der Reichenau nach Murrhardt über. Januaris ist ein Märtyrer. Er war Bischof von Benevent und soll bei der Christenverfolgung unter Kaiser Diocletian im Jahre 304 enthauptet worden sein. Zuvor habe man der Legende nach versucht, ihn in einem glühenden Ofen zu verbrennen und durch wilde Tiere zerreißen zu lassen, was misslungen sein soll. Wichtige Reliquen des Heiligen befinden sich in Neapel. Mit ihnen verbindet sich das berühmte „Blutwunder”: Das Blut des Heiligen, das sich in einer Ampulle befindet, erscheint flüssig, wenn es in die Nähe des Hauptes gebracht wird. Zweimal im Jahr, am 1. Mai und am 19. September, dem Festtag des Heiligen, strömen auch heute noch Pilger nach Neapel, um dieses Blutwunder zu sehen. Januaris wird als Patron dieser Stadt verehrt. Er soll gegen Erdbeben und gegen Ausbrüche des Vesuvs schützen. Auf unserem Gewölbeschlussstein ist der Heilige mit dem Bischofsstab und einer kleinen Blutflasche dargestellt, von der ein Tropfen seines Blutes abtropft.

Die Wappenengel:
Das schöne Rippenkreuzgewölbe des Chores ist beim spätgotischen Umbau der Kirche kurz vor 1500 entstanden. Es geht um die Suche nach ei­nem Grund für die auffallende Existenz der beiden weltlichen Wappen im Chor der Kirche. Das Netzgewölbe wird in den Ecken von vier bärtigen Halbfi­guren getragen. Der Chronist der Oberamtsbeschreibung von 1866 bezeichnet sie als Skulpturen von Kirchenvätern, freilich ohne sie deutlicher zu identifizieren. Sie sind aber nicht die wichtigsten Tragfiguren des Gewölbes. Während von den vier Ecken des quadratischen Chores jeweils eine einfache Rippe ausgeht, sind in der Mitte der Nord” und Südwand zwei Rippenstränge gebündelt. Hier sind es Engel, die die aufgehenden Gewölberippen tragen. Sie halten farbige Wappenschilder vor der Brust. Auf der Nordwand ist es das Stadtwappen, auf der Südwand das Landeswappen. Das Landeswappen auf der südlichen Chorwand ist eine der ersten Darstellungen des Herzogswappen überhaupt. Die Kaiserurkunde über die Verleihung der Herzogswürde an Graf Eber­hard im Bart trägt das Datum des 21. Juli 1495. Das viergeteilte Wappen, das sich der neue Herzog zulegte bzw. vom Kaiser ver­leihen ließ, beruft sich in drei Feldern auf Traditionen. Neben den Symbolen der Grafschaft Württemberg, den drei Hirschstan­gen, zeigen sich die Rauten der alten Herrschaft Teck, von der die Herzogswürde hergeleitet ist. Das Feld unter den Rauten ist mit den Barben der linksrheinischen Herrschaft Mömpelgard be­legt, die von den Grafen 80 Jahre zuvor erheiratet worden war. Das Feld unter den Hirschstangen signalisiert einen Anspruch. Es zeigt die Reichssturmfahne. Von dem (nebulosen) Vorrecht, sie dem Reichsherr im Streit voranzutragen, leiteten die Fürsten den Anspruch auf ein Reichsamt, das Erzpanneramt, und damit auf die Kurfürstenwürde ab. Freilich ohne diese Forderung in den nächsten 300 Jahren verwirklichen zu können. Das Wappentier der Stadt auf der nördlichen Chorwand scheint sich in einem Verwandlungszustand vom Schwan zum Storchen zu befinden.

*Die Wendeltreppe im Turm:*Die Wendeltreppe im Turm Eine seltene Sehenswürdigkeit kann man im Turm bewundern. Wenn man von der Kirchenbühne aus das Turmgeschoss über dem Chor betritt, so steigt man von dort aus zum Fachwerkteil des Turmes auf einer in der Ecke hochführenden hölzernen Wendel­treppe in ebenfalls hölzernem „Gehäuse” nach Art der Wendeltreppen, die in vielen spätgotischen Chören in einem Steintürm­chen zu Lettner und Dachboden über dem Gewölbe führen.

Das Lutherbild:
An der mittleren Ausbuchtung der Brüstung an der Orgelempore hing bis 1957 ein großes, holzgerahmtes Bild Martin Luthers. Es war ein Brustbild. Luther hielt, am unteren Rand des Bildes sichtbar, eine Bibel „seine Bibel” in der Hand und blickte in das Schiff und den Chor der Kirche. Leider ist es seit dieser Zeit nicht mehr auffindbar. Dies ist für unsere Zeit besonders betrüblich, hatte doch Luther neben der unbestreitbar größten Leistung, der Bibelübersetzung aus dem Lateinischen ins Deutsche, eine fast ebenso bedeuten­de, kulturhistorische Tat vollbracht, nämlich eben diese deut­sche Sprache geschaffen, indem er, wie er selber bekannte, “dem Volks aufs Maul geschaut” hatte. Diese Leistung wurde in der Vergangenheit von allen Seiten an­erkannt, selbst Atheisten bestätigten es respektvoll. Leider wird heutzutage nicht mehr so verfahren. Die schöne, deutsche Spra­che hat selbst in christlichen Kreisen nicht mehr diesen Klang, der ihr eigentlich gebührt.
Eine seltene Sehenswürdigkeit kann man im Turm bewundern. Wenn man von der Kirchenbühne aus das Turmgeschoss über dem Chor betritt, so steigt man von dort aus zum Fachwerkteil des Turmes auf einer in der Ecke hochführenden hölzernen Wendel­treppe in ebenfalls hölzernem „Gehäuse” nach Art der Wendeltreppen, die in vielen spätgotischen Chören in einem Steintürm­chen zu Lettner und Dachboden über dem Gewölbe führen. Das Lutherbild An der mittleren Ausbuchtung der Brüstung an der Orgelempore hing bis 1957 ein großes, holzgerahmtes Bild Martin Luthers. Es war ein Brustbild. Luther hielt, am unteren Rand des Bildes sichtbar, eine Bibel „seine Bibel” in der Hand und blickte in das Schiff und den Chor der Kirche. Leider ist es seit dieser Zeit nicht mehr auffindbar. Dies ist für unsere Zeit besonders betrüblich, hatte doch Luther neben der unbestreitbar größten Leistung, der Bibelübersetzung aus dem Lateinischen ins Deutsche, eine fast ebenso bedeuten­de, kulturhistorische Tat vollbracht, nämlich eben diese deut­sche Sprache geschaffen, indem er, wie er selber bekannte, “dem Volks aufs Maul geschaut” hatte. Diese Leistung wurde in der Vergangenheit von allen Seiten an­erkannt, selbst Atheisten bestätigten es respektvoll. Leider wird heutzutage nicht mehr so verfahren. Die schöne, deutsche Spra­che hat selbst in christlichen Kreisen nicht mehr diesen Klang, der ihr eigentlich gebührt.

Die Martinskirche in Großbottwar, BachstraßeBild vergrößern
Die Martinskirche in Großbottwar
Das Epitaph der Freiherren von DachrödenBild vergrößern
Das Epitaph der Freiherren von Dachröden
Epitaph des Vogtes Melchior KapfBild vergrößern
Epitaph des Vogtes Melchior Kapf
Das Netzgewölbe im ChorBild vergrößern
Das Netzgewölbe im Chor
KruzifixBild vergrößern
Kruzifix