Historisches

Beständigkeit durch Wandel

Hier möchten wir Ihnen einen Einblick in das Entstehen unserer Gemeinde und der Martinskirche geben. Darüber hinaus haben wir hier für Sie die Pfarrer, Diakone und Helfer zusammengestellt, die im letzten halben Jahrtausend für unsere Kirchengemeinde tätig waren.

Wie wir evangelisch wurden. Reformation in Großbottwar und im Bottwartal.

Vortrag am 24.10.2017 von Prof. Dr. Hermann Ehmer, Stuttgart, im evangelischen Gemeindehaus Großbottwar.

Der Referent war Leiter des Archivs der Evangelischen Landeskirche in Württemberg und lebt heute im aktiven Ruhestand. Bis 2012 hatte er einen Lehrauftrag für württembergische Kirchengeschichte an der Evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Tübingen.

Zu Beginn seines Vortrags ging Ehmer auf die weltlichen Obrigkeiten Anfang des 16. Jh. im Bottwartal ein und zeigte die verschiedenen Herrschaftsbereiche in dieser Gegend auf. Die beiden Ämter Bottwar und Beilstein gehörten zum Herzogtum Württemberg, Schmidhausen hingegen zur Grafschaft Löwenstein, auf dem Lichtenberg herrschte die Adelsfamilie von Weiler, das Stift in Oberstenfeld besaß das Dorf Winzerhausen, das Adelsgeschlecht derer von Plieningen den Ort Kleinbottwar. In Steinheim hatte das Dominikanerkloster Mariental die Ortsherrschaft.

Bei der kirchlichen Situation ist zu beachten, dass Beilstein und die Oberstenfelder Peterskirche zum Bistum Würzburg gehörten, das Bottwartal abwärts jedoch zum Bistum Speyer. Ferner gab es verschiedene Patronatsrechte, also das Recht den Pfarrer einzusetzen. In Beilstein war das der Johanniterorden, in Großbottwar das Benediktinerkloster in Murrhardt.

In der vorreformatorischen Zeit, führte Ehmer aus, waren an den Kirchen durch fromme Stiftungen viel mehr Geistliche tätig als heute. Kaplane und Priester waren damals Anlernberufe die kein Universitätsstudium erforderten. Ferner wurden Ende des 15. Jh. (in Großbottwar 1496) Prädikaturen mit einem ausschließlichn Predigtauftrag geschaffen, die einen akademischen Abschluss erforderten. Diese wurden für die Reformation wichtig, weil die Gottesdienstform der Prädikanten für den reformatorischen Predigtgottesdienst übernommen wurde.

Die Verhältnisse der Umbruchzeit vom Mittelalter in die Neuzeit waren hierzulande sehr bewegt. Beim Aufstand des „Armen Konrad“ 1514 machte Herzog Ulrich von Württemberg gemeinsame Sache mit der Oberschicht und schloss den Tübinger Vertrag ab, der dem Landtag das Steuerbewilligungsrecht zuerkannte. In Bottwar solidarisierte sich der Pfarrverweser Peter Gscheidlin mit dem gemeinen Volk und wurde deshalb vom Abt von Murrhardt nach Erdmannhausen versetzt. Er wurde 1534 dort der erste evangelische Pfarrer.
Elf Jahre nach dem „Armen Konrad“ kam es zum Bauernkrieg infolge von Unterdrückung, wirtschaftlicher Not und sozialen Elends der Bauern. Hinzu kamen Missstände in Adel und Klerus. Diese hatte Martin Luther schon 1517 angeprangert, als er seine 95 Thesen in Wittenberg veröffentlichte.

Am Ostersonntag 1525 jagten die Bauern in Weinsberg über ein Dutzend Adlige durch die Spieße, was als die Weinsberger Bluttat bekannt wurde. Einen Tag darauf wurde der Großbottwarer Ratsherr Matern Feuerbacher auf dem Wunnenstein zum Anführer des Bauernhaufens gewählt. Er gehörte dem gemäßigten Flügel an, bald folgten ihm über 10.000 Bauern, bekannt als der Helle Christliche Haufen. Am 12.05.1525 wurden die Bauern trotz Überzahl in der Böblinger Schlacht vernichtend geschlagen.

Herzog Ulrich, der 1519 aus seinem Land vertrieben worden war, versuchte 1525 im Zuge des Bauernkrieges vergeblich sein Land zurückzugewinnen, was ihm erst 1534 mit Hilfe des hessischen Landgrafen Philipp I. in der Schlacht bei Lauffen gelang. Er führte umgehend im ganzen Land die Reformation ein und berief dafür die beiden Geistlichen Erhard Schnepf und Ambrosius Blarer. Die Messe wurde abgeschafft, die Heiligenbilder wurden in geordneter Weise entfernt und die entbehrlichen Gottesdienstgeräte und -ornate eingezogen. Wer von den Geistlichen bereit war, im Sinne der Reformation zu predigen, wurde übernommen, die anderen wurden entlassen. Protestantische Pfarrer von außerhalb Württembergs füllten die Lücken.
Ehmer führte aus, dass die Reformation mit einer großen Stellenreduzierung der Geistlichen einherging. In Großbottwar gab die Pfarr- und die Predigerstelle und drei Kaplaneien. Die letzteren fielen ersatzlos weg. Der erste evangelische Pfarrer in Großbottwar hieß Gregor Arnolt und war von 1534 bis 1540 im Amt. Im Allgemeinen sei zu beobachten gewesen, dass die erste Generation der Reformationspfarrer ein sehr unstetes, entbehrungsreiches und unruhiges Leben führen musste.

Kaiser Karl V. wandte sich nach Beilegung seiner Konflikte mit dem Papst und dem französischen König als entschiedener Reformationsgegner der Situation in Deutschland zu. Nach dem Scheitern der Bemühungen um einen Ausgleich mit den Protestanten kam es zum Schmalkaldischen Kriegs (1546). Dies hatte Auswirkungen bis nach Großbottwar, da die Stadt an Weihnachten 1546 von den kaiserlichen spanischen Truppen geplündert wurde. Stadtschreiber Ulrich Vaihinger berichtet davon im sogenannten Elsenbuch, das in der Geyling-Ausstellung im Rathaus im Original zu bewundern war.

Der Kaiser wollte nach dem gewonnenen Schmalkaldischen Krieg mit dem Augsburger Interim (1548), einer Zwischenlösung des Religionskonflikts, die protestantischen Reichsstände wieder der katholischen Kirche zuführen. Hierbei gab es Zugeständnisse bei der Priesterehe und bei der Austeilung des Abendmahls in beiderlei Gestalt. Pfarrer, die sich gegen das Interim erklärten, wurden entlassen, wie z.B. Peter Venetscher in Großbottwar. Dieser kam aus dem Schweizer Rhônetal und war 1545-1548 im Amt. Erst 1552 konnte mit Johann Geyling die Stelle wieder besetzt werden. Er wirkte als Pfarrer bis 1559 und erlebte 1555 den Augsburger Religionsfrieden, der eine Koexistenz der beiden Konfessionen rechtlich festschrieb. Damit war in Deutschland der vorläufige Abschluss des Reformationszeitalters gekommen.
Im Jahr 1550 starb Herzog Ulrich von Württemberg und sein Sohn Christoph folgte ihm in der Regierung nach. Er trieb die Reform der Landeskirche voran, sie wurde in der „Großen Kirchenordnung“ von 1559, einem rechtlichen Grundlagenwerk, besiegelt. Wichtigster Berater in religiösen Fragen war der Reformator Johannes Brenz, der zuvor in Schwäbisch Hall tätig gewesen war.

Die Pfarrerbesoldung wurde neu geregelt. Patronatsrechte wurden nach Möglichkeit abgelöst. So kaufte im Jahr 1555 der Herzog dem Kloster Murrhardt dieses Recht für Großbottwar ab.
Die größte Veränderung im kirchlichen Leben war die Ablösung der Messe durch den Predigtgottesdienst, das Verbot des Heiligen- und Marienkults sowie die Einführung des Glaubensunterrichts (Katechismus). Hierfür wurden Schulen, die es zuvor nur in Städten gab, auch auf dem Land eingerichtet.

Zum Schluss seines Vortrages ging Ehmer noch kurz auf die verschiedenen Orte im Bottwartal ein und zeigte auf, wie sie evangelisch wurden. In Beilstein beklagte sich die Gemeinde über ihren bisherigen Pfarrer und sie schlug gleich als Nachfolger den Reformator Valentin Vannius (Wanner) vor. In Oberstenfeld war der Herzog der Besitzer des Dorfes, auch das Stift bekannte sich schließlich zur lutherischen Lehre.

Über Kleinbottwar schweigen die Quellen, doch Ehmer meinte, man könne annehmen, dass die Herren von Plienigen nach dem Augsburger Religionsfrieden 1555 die Reformation eingeführt haben. Der Religionsfrieden gab den Landesherren das Recht, auf ihrem Gebiet die Konfession zu bestimmen (“Cuius regio, eius religio”). Von Steinheim ist bekannt, dass die Nonnen im Kloster Mariental, katholisch bleiben wollten und dort auch bis zu ihrem Tode leben konnten. 1557 kommt dann der erste evangelische Pfarrer in den Ort.

Prof. Dr. Hermann Ehmer verstand es meisterhaft die großen weltpolitischen Dinge mit den regionalen Ereignissen in Verbindung zu bringen und so aufzuzeigen, dass die Reformation eine lange, unruhige und mühsame Prozedur darstellte, die mindestens eine Generation lang gedauert hat.

Markus Pantle

29.10.2017

Martinskirche: Blick vom Chor in Richtung WestenBild vergrößern
Martinskirche: Blick vom Chor in Richtung Westen